BZ Basel jj Kultur, Premiere Rattenfänger Muttenz, Ibsen Volksfeind, Freitag 17. August 20.00

 

 

 

Filz von Privatem, Politik, Wirtschaft und Medien

 

 

 

Die Theatergruppe Rattenfänger gab eine schmissige und unterhaltende Premiere frei nach Henrik Ibsens «Ein Volksfeind». Der Truppe gelingt eine modernisierte und auf Muttenzer Deponie-Probleme zurechtgestutzte Fassung.

 

 

 

Dieses Jahr spielen die Rattenfänger im Pausenhof des Gymnasiums Muttenz, ein passender Spielort für die Freilichtaufführung. Zunächst geht es in dieser Volksfeind-Fassung nämlich fast schulisch und informierend zu. Das grosse Ensemble steht in einer Linie hinter lauter Industrie-Fässern und bringt die Feldreben-Deponie aufs Tapet, bevor das Stück nach Henrik Ibsen wirklich losgeht, das einen Bruderzwist um eine Wasserverunreinigung in einem Badeort zum Thema hat.

 

Die Deponie Feldreben, einst eine Kiesgrube, wurde von 1918 bis 1967 mit Kehricht und Gewerbeabfällen aufgefüllt. Von 1940 bis 1957 lagerten auch Basler Chemie- und Pharmafirmen darin Abfälle ab. Nach der Deponieschliessung wurde das Gelände von Gewerbebetrieben überbaut und als Lastwagenterminal genutzt. Derzeit ist dort noch ein Asylzentrum, ein komplexer Streit um die teure Sanierung ist im Gange. Regisseur und Stückschreiber Danny Wehrmüller hat viel Material zusammengetragen und das Ensemble trägt dieses als Einführung dem Publikum vor. Auch einzelne überraschende Baseldeutsch - Brocken fliessen hier ein.

 

 

 

Für die Gegenwart umgeschriebenes Stück

 

1882 hat Ibsen sein damals modernes Drama geschrieben. Mit offenem Schluss, epischen Zügen und unterschiedlichen Sprachen der Personen lancierte er den Naturalismus. Diesen übernimmt Danny Wehrmüller konsequent für heute, strafft das Stück gehörig. Wo einst noch ein Drucker war für die lokale Zeitung, ist es bei ihm eine moderne, aufgetakelte Redakteurin, ihr Praktikant übt sich nicht mit dem Setzkasten, sondern mit Facebook, Fake-News, Hashtags und Likes, welche Menschen desavouieren können. Was einst hinter vorgehaltener Hand herumgeboten wurde, läuft heute über Social-Media. Wehrmüller konzentriert sich auf die zwei Hauptlinien des Stücks: Der politische Skandal um vertuschte Wasserverunreinigung in einem Bade-Kurort. Und die menschlichen Tragödien hinter den sichtbaren Ereignissen. Der alles aufdeckende, aber auch eine Karriere anstrebende Arzt (Daniel Fabian) und seine Familie werden zunächst von der Gemeinde als Volksfeinde geächtet.

 

Sein Bruder und Kontrahent ist der amtierende Bürgermeister (Peter Wyss), der zurücktreten muss, als die Wahrheit doch noch ans Licht kommt. Politische Machtspiele und persönliche Bereicherungen spielen eine grosse Rolle. Die immer lavierende und von Inseraten abhängige Zeitungsmacherin (Natalie Müller) beendet ihr Leben schliesslich abseits der Bühne oben im Pausenhof mit gar schrecklichem Schrei.

 

 

 

Konsequente Regie, eindrückliche Bühne.

 

Fässer als Blickfang für Deponie-Probleme bieten sich an (Bühnenbild Kurt Walter): ganze Fässer, halbierte und gevierteilte, Fassteile als Büffet und als Sessel oder Klanginstrumente. Eindrücklich auch die Prospekte auf der hinteren Bühnenwand, übereinander gehängt und leicht zum Abnehmen. Ein grosser Aufwand, der aber die starke und passende Stimmung zur Inszenierung schafft. Danny Wehrmüller geht seine Thematik mutig an und scheut sich nicht, die eigenen Dokument-Texte der Sprachkraft Ibsens gegenüber zu stellen. Allerdings nimmt er dieser Sprache Gewicht und Gewichtigkeit, weil er sie rückhaltlos modernem und lockerem Sprachgebrauch anpasst. Dass er den alten und etwas verwirrten Alki Magnus Horster (s. Bild) als eingebildeten Kapitän im Stück belässt, setzt einen guten Kontrapunkt zu den modernen Personen.

 

Sentenzen bleiben gegenwärtig, welche das Publikum mit kommentierenden Reaktionen aufnimmt: Der Bürgermeister sagt, es herrsche «hierzulande doch im Grossen und Ganzen ein Geist der Verträglichkeit». Und er schleimt unter Publikums-Echo zur Rivalin, «im Grunde seines Herzens» schätze er sie ja. Oder die Frau des Arztes fragt sich unter Geraune, was das Recht nutze, wenn man die Macht nicht habe. Statussymbole wie Airbnb, Nespresso, Velohelm und die Wohlstandsabhängigkeit werden mit feiner Selbstironie aufs Tapet gebracht. Ein kleines Lehrstück über den Filz von Privatem, Politik, Wirtschaft und Medien. Eine Inszenierung, welche auch jungen Zuschauern und Gymnasialklassen Witzigkeit, Aktualität und Diskussionsstoff bietet.

 

 

 

 

 

Bildtext:

 

Zwei sich annähernde Generationen: Der trinkende, vermeintliche Kapitän (Christian Giese) und die naive, engagierte Arzttochter (Livia Studer).